Historie


Görlsdorfer Tradition

Großer Preis der Landwirtschaft


Weite Felder, blitzende Räder, rasante Jagden, Hitze und Staub...




Es war im Sommer 1893 ...

Vater Kalz hatte sich den Gehrock übergestreift, die Krawatte noch einmal gerade gerückt und seinen Spazierstock gegriffen. Ein letzter Blick auf die Familie, die verwundert davon Kenntnis genommen hatte, daß in Luckau die sogenannten Herrenfahrer auf ihren Vihekeln vorbeikommen sollten. Absurd, sich auf den Weg zu machen und ihnen dort am Straßenrand zuzuwinken. Vater Kalz aber erkannte die Zeichen der Zeit und wußte schon aus dem "General - Anzeiger", was modern und wichtig war. Und so machte er sich auf den Fußmarsch in das zehn Kilometer entfernte Luckau...

Dort harrten schon viele Sensationslustige der Fahrer, die sich auf das große Wagnis der Fahrt von Wien bis nach Berlin eingelassen hatten. In einem Vergleich zwischen Reitern und Radfahrern sollten sie beweisen, daß dem Fahrrad die Zukunft gehörte.

Unaufhörlich bahnten die "Posten" immer wieder eine Gasse durch das aufgeregte Publikum. Die höchstwichtigen Posten - offiziell hieß es in ihrer "Instruction": "Die Posten haben in der kritischen Zeit der herannahenden Renner, alle Fussgänger und Fuhrwerke in höflichster Form auf das Rennen aufmerksam zu machen und durch freundliches Ersuchen selbe möglichst zum Ausweichen zu veranlassen." Freie Fahrt den Rennfahrern auf ihrer 582,5 Kilometer langen Tour!

Vater Kalz hielt sich etwas abseits von der dichten Kulisse am Marktplatz, wartete schon am Pulverturm auf die Fahrer. Und als der erste Akteur endlich auftauchte, verlor auch er seine Contenance. "Hier entlang! Hier durch das Stadttor!", rief er aufgeregt und lief ein Stück nebenher. Der müde Mann auf dem Rade dankte mit freundlichem Blick. "I woaß scho. A bittschön, sagens, wie weit liegt Berlin noch?" "Nur noch 80 Kilometer bis zum Tempelhofer Felde. Dort ist das Ziel", freute sich der außer Atem geratene Vater Kalz endlich sein Wissen anbringen zu können. "Joa, da packen mirs", hörte er noch, dann war der Pedalritter hinter der Kurve und im Trubel der begeisterten Luckauer Bürger verschwunden.

Radsport war seitdem in der Familie Kalz immer ein gutes Thema. Die Begegnung zwischen Vater Kalz und dem Wien-Berlin-Sieger Josef Fischer, der am 1. Juli 1893 als erster Rennfahrer die Straßen von Luckau kreuzte, ist natürlich nicht belegt, aber könnte es so nicht gewesen sein? Woher hätte der heute 53jährige Gerd Kalz, der Urenkel des geschilderten Zuschauer-Pioniers, sonst diese Begeisterung für den Radsport her?

Wenn die „Huschkes" kamen

"Meine Großmutter hat mir viel erzählt vom Radsport", erinnert dieser sich. Alljährlich pilgerte die Familie mehrmals bis zur Hauptstraße, um sich die Rennfahrer anzusehen.

Es war immer ein Fest, wenn die 'Huschkes', Aberger und Tietz kamen, die in Anfang der zwanziger Jahre ebenso populär waren wie heute ein Täve Schur oder Olaf Ludwig." Das bedeutendste Rennen, das direkt bei den Görlsdorfern vorbeiführte, war stets der Frühjahrsklassiker Berlin - Cottbus - Berlin,

der - fast so berühmt wie Rund um Berlin und der nur wenige Male ausgetragene Rad- marathon Wien - Berlin - alle Spitzenfahrer vereinigte und schon viele Tage zuvor in der Presse ausführlich erörtert wurde und einer ausführlichen Berichterstattung und Nachbetrachtung sicher war. "Solches Interesse wünschen wir uns auch", unterstreicht Gerd Kalz den Blick in die Vergangenheit. Dabei kann auch er schon auf einige Tradition verweisen. Selbst gehörte Gerd Kalz als aktiver Rennfahrer in der Gemeinschaft Lok Lübben zu den Talenten in der Jugendklasse. Freilich brachte er da weniger auf die Waage als heute und so gelangen ihm unter den Fittichen von Trainer Eberhard Pöschke, dem Gewinner der populären Lausitz-Rundfahrt, auch zahlreiche Siege.

 


100 Jahre nach Wien - Berlin

Pöschke und Kalz waren es auch, die einige Jahre später die Idee hatten, das verträumte Görlsdorf aus dem Schlaf zu reißen und alljährlich mit Radrennen zu beleben. Mitstreiter für die Organisation wurden gesucht und gefunden, und am 11. Juni 1983 - also fast auf den Tag 100 Jahre nach der denkwürdigen Passage der Stadt Luckau durch die Teilnehmer von des großen Wien - Berlin! - wurde in Görlsdorf das erste offizielle Straßen-Radrennen auf dem flachen Dreieckskurs ausgetragen!

Der Chemnitzer Peter Scheibner gewann dieses Premierenrennen vor einem Großteil der DDR-Spitzenklasse. Ein Jahr später trug sich sogar der amtierende Weltmeister Uwe Raab in die Siegerliste ein - Herz, was willst du mehr!, freuten sich die Görlsdorfer und wurden in ihren Bemühungen nur bestärkt, auch weiterhin die Mühen der Vorbereitung und Organisierung "ihres" Rennens auf sich zu nehmen.

Vom dritten Jahr 1985 an erweiterten sie ihr Angebot um ein Kriterium, damit sich der Weg nach Görlsdorf auch lohnte. Und so traten schon am Vorabend des Straßenrennens die Meister des DDR-Radsports und viele, die es werden wollten, in die Pedale. Hautnah zu erleben von den interessierten Zuschauern, die immer mehr Kontakt zu dieser, sonst nur aus dem Fernsehen bekannten Sportart gewannen.

Prominente Sieger


Die eifrigen Görlsdorfer Organisatoren unter der Leitung von Gerd Kalz erhöhten ihr Engagement noch und luden von 1986 an alljährlich auch zur Saison-Eröffnung der

Elite ein. Die Namen der Gewinner Olaf Ludwig, Uwe Raab und Uwe Preißler sprachen für sich - Klasse-Rennfahrer trumpften auf in dem kleinen Ort in der Niederlausitz. Ein Höhepunkt schließlich war im Olympia- jahr 1988, wenige Tage vor dem großen Ereignis in Seoul, die Durchführung von drei Etappen der 36. Inter- nationalen DDR-Rundfahrt, bei der sich auch

 

internationale Pedalhelden den letzten Schliff für die olympischen Rennen holten. Auch der spätere Rundfahrtsieger Uwe Raab glänzte auf der ihm schon längst vertrauten Spurtgeraden von Görlsdorf als Tagessieger. In die Rennchronik von Görlsdorf ging aber auch ein, daß erstmals ein ausländischer Gast den Sprung auf das Ehrenpodest schaffte: der wieselflinke Franzose Jean-Francois Lafille hatte sich im harten Etappenspurt den bronzenen dritten Platz erkämpft...

Es herrschte allerdings nicht immer eitel Sonnenschein über dem Görlsdorfer Radsportgeschehen. Wunsch und Wille von Gerd Kalz und seinen eifrigen Helfern waren das eine, der Zu stand der Straßen etwas anderes. Und so wurden in den Klubs schon vorsorglich zusätzliche Pneus eingepackt, wenn es nach Görlsdorf ging. In einem Jahr wurde dann sogar der "Weltrekord an Reifenschäden" aufgestellt, als einen Tag vor dem Rennen die Straße frisch geteert worden war.

Die Verantwortlichen in der Kreisstadt hatten endlich den vielen Gesuchen der Görlsdorfer einen positiven Bescheid erteilt und für die kurzfristige Aktion zugleich angeordnet, daß wegen der längeren Haltbarkeit des Straßenbelags auch gesplittet wurde. Die Freude der Organisatoren schlug in Entsetzen um, als die Strecke noch einmal inspiziert wurde. Und die Flüche der Rennfahrer und der Mechaniker, die immer wieder mit "Platten" konfrontiert wurden, hätten Bände füllen können!

Nur über meine Leiche!

Für Gerd Kalz schien der 7. Große Preis der Landwirtschaft im April 1989 das letzte Rennen gewesen zu sein, das auf dem Görlsdorfer Kurs ausgetragen wurde. Mit Blick auf die großen internationalen Rennen und die übliche Praxis in westlichen Ländern, wo bei bestimmten Wettbewerben die berühmtesten Profis und Amateure gemeinsam starteten, hatte er immer wieder davon gesprochen, daß er in Görlsdorf ein sogenanntes "Open"Rennen organisieren wolle. Dem spaßhaft geäußerten Satz fehlte nicht der ernst gemeinte Unterton, und so war in jener Zeit auch der Bescheid des Radsport-Verbandes in Berlin für dieses unvorstellbare Vorhaben entsprechend barsch und direkt. "Nur über meine Leiche", verkündete der für die Saisonrennen

zuständige Funktionär...
Dieser wird sich hoffentlich seines Lebens er-freuen, wenn nun in Görlsdorf am 12. und 13. Juli 1997 Wirklichkeit wird, was die Görlsdorfer und ihr Vorreiter Gerd Kalz sich erträumt hat-ten: Elitefahrer aus 16 Ländern nehmen an den beiden großen Straßenrennen teil. Darunter Akteure aus namhaften Sportgruppen, wie die Profi-Rennställe heute heißen, und die gesamte deutsche Spitzenklasse, weil zugleich um die wichtigen Zähler für die Deutsche Mannschafts- meisterschaft gekämpft wird.

Eine ganz große Herausforderung, nachdem sich im vergangenen Jahr die Organisatoren wieder zusammenfanden und mit den Norddeutschen Meisterschaften für Jugend und Junioren nach sieben Jahren Pause wieder ein Rennen veranstalteten. Nun wird Görlsdorf, der kleine und kaum bekannte Ort, mit diesem Radsport-Wochenende im Juli '97

 

auch maßgeblich an Bedeutung gewinnen. Am schönsten für den neu gegründeten

Verein wäre es natürlich, wenn jeder Rennfahrer sagen würde:

Görlsdorf ist eine Reise wert!


Die Zuschauer waren bei je- dem Wetter mit dem Herzen dabei...

Gerd Kalz (u. Ii.), Begründer und Organisator der Rennen in Görlsdorf.

Bei den Görlsdorfer Ren- nen stellte sich stets die gesamte Elite vor.
 

Ein flacher Kurs, und doch kein leichtes Rennen! Viele Kurven, viel Wind, Hitze und Staub lassen das Bild von den Giganten der Land- straße aufleben.
 

 

 

     


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